WdB 2009

Dieter Wiefelspütz sprach bei der Eröffnung

Nicht übereinander - miteinander sprechen
Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im Rathaus: Alle Redner würdigten die Dynamik des Dialogs
Minden (mar). "Bridge over troubkled water" - mit diesem Klassiker leitete der Jugendchor Tookula zum Festvortrag bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit über. Das passte: Dialog und Brückenbau stehen auch In Minden seit Jahrzehnten im Mittelpunkt der Arbeit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Von Martin Steffen

"1949-2009. So viel Aufbruch war nie" - unter diesem Motto stand Sonntag nachmittag auch in Minden die Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit. Für Dieter Wiefelspütz geht es auch weiter um Aufbruch. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion war Referent der Festveranstaltung im Mindener Rathaus.

Als das Motto für die Woche der Brüderlichkeit 2009 gewählt worden sei, so der Politiker, habe kaum jemand etwas von aktuellen Ereignissen und ihren unterschiedlichen Auswirkungen ahnen können, die Fragen an die Bedeutung von "Aufbruch" richteten. Wiefelspütz erinnerte an die seit Ende 2008 unabweisbare Wirtschaftskrise, bezog aber auch Stellung mit Blick auf den christlich-jüdischen Dialog, zur Auseinandersetzung dieser Wochen um die Holocaustleugnung des Bischofs Williamson.

"Ein Christ ist immer im Aufbruch", betonte der Sozialdemokrat die Verpflichtung im großen und kleinen Dialog und Zusammenarbeit zu pflegen.

Wiefelspütz skizzierte die bescheidenen Anfänge, als sich um 1946/47 zunächst in der Schweiz und den Niederlanden interkonfessionelle Diskussionszirkel bildeten und von 1949 an dann in den westlichen Besatzungszonen und der jungen Bundesrepublik die ersten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gebildet wurden. Der Dialog sei eine Brücke über den Abgrund der Geschichte, so Wiefelspütz. Die Dynamik dieses Dialogs spiegelten die vergangenen Jahrzehnte, so der Referent, der sich vom öffentlichen Zuspruch der Veranstaltung angenehm überrascht zeigte.

Seit fünf Jahrzehnten im Gespräch
Zuvor hatte Pastor Bernd Speller als Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an die Aktivitäten der Vereinigung erinnert, die im Mindener Land seit über 50 Jahren besteht. 83 Gruppen mit etwa 20 000 Mitgliedern zählt die Gruppe in ganz Deutschland. Angesichts der aktuellen Diskussionen werde erneut deutlich, wie wichtig es sei, nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Speller zitierte in diesem Zusammenhang Bundespräsident Horst Köhler: "Zum Glück, der Dialog geht weiter."

Bürgermeister Michael Buhre oblag das Grußwort für die Städte und Gemeinden des Kreises. Christlich-Jüdische Begegnung stehe weiter im Schatten von Auschwitz, so Buhre. Angesichts dieses Bruchs seien "leidenschaftliches Erinnern", wo nötig auch "massives Widersprechen" gegenüber Neonazismus erforderlich - wie in Minden jüngst mehrfach geschehen.

Zum Teil der Identität geworden
"Der Dialog muss, er wird weitergehen", erklärte Buhre. Er bezog sich auf das, was sich aus der ersten Einladung der Stadt 1989 an überlebende Mindener Juden an Begegnungen und freundschaftlichem Kontakt ergeben habe. Auch im Jubiläumsjahr 1998 und danach sei es gelungen, klar zu machen dass Licht und Schatten der Geschichte zusammengehörten. Künftige Generationen würden eigene Formen des Dialogs finden, so Buhre zuversichtlich - "der christlich-jüdische Dialog ist Teil der Identität Mindens."

Dass dazu an einem Festtag nicht nur das gesprochene Wort gehört, zeigte der Chor Tookula unter Kreiskantor Thomas Wirtz mit Alina Hermes (Querflöte) und Larissa Siegfried (Klavier) eindrucksvoll.

Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit stehen "Lieder aus der Seele und Geschichten frei aus dem Herzen" mit Elija Avital (Berlin) Mittwoch, 4. März, 19.30 in der Petrikirche.


Quelle: Mindener Tageblatt vom 2. März 2009


WdB 2010

"Es gibt ein Leben vor dem Tod"
Propst i.R. Paul Jakobi spricht über Werteverlust zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit"
VON CARSTEN KORFESMEYER

Minden (cko). Paul Jakobi wollte über das Thema "Verlorene Werte" aus theologischer Sicht sprechen. Dabei hat er es allerdings nicht belassen. Der Propst im Ruhestand (i.R.) streifte nahezu alle Bereiche des Lebens.



Es war ein sehr tiefgründiger Vortrag, den Jakobi gestern zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" hielt. Etwas mehr als 45 Minuten redete er vor rund 100 Zuhörern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit - und seine Botschaft im Großen Rathaussaal war glasklar herauszuhören: Die Welt und das Leben sind unendlich schön.

Diese These lässt sich selbstverständlich auch kritisch hinterfragen. Jakobi tat dies, indem er auf aktuelle gesellschaftliche Problemfelder einging. Er nannte das gewachsene Gewaltpotenzial, den stetig steigenden Egoismus oder auch die Fälle des Kindesmissbrauchs durch katholische Priester. "Die Welt hat die Richtung verloren", sagte er. Der Dompropst i.R. sprach von einem Verfall der Werte, die es jetzt zu retten gelte.

Das Vortragsthema hätte an dieser Stelle ein Klagelied über die Menschheit werden können. Jakobi wäre es sicher sehr leicht gefallen, dafür viele weitere Felder zu nennen. Er tat es aber nicht - und zeichnete dadurch gerade kein negatives Menschenbild. So hinterließ er bei seinen Zuhörern das gute Gefühl und die Hoffnung, dass die Welt besser werden kann. Zum Auftakt der "Woche der Brüderlichkeit" hätte der Dompropst i.R. wohl kein besseres Signal senden können.

Damit die Menschen ihr Leben in eine positivere Richtung lenken, müssen allerdings auch offen die Wahrheiten gesagt werden. "Wer Maßstäbe verliert, wird maßlos", sagte Jakobi. Das gelte für alle Lebensbereiche. Als Beispiel nannte er unter anderem "die völlig überzogenen Gehälter einiger Bankmanager oder Fußballprofis" sowie die Korruption in manchen Ländern, wo sich Menschen auf Kosten anderer schamlos bereichern.

Appell für Vielfalt und mehr Toleranz

Jakobi warnte auch vor Ideologien. "Die haben das Risiko, dass sie Maßstäbe verschieben können." Vielmehr seien Vielfalt und Toleranz gefragt, um ein Zusammenleben zu fördern. Der Dompropst i. R. sprach sich für die Familie aus ("Mehr als zwei Drittel aller Menschen sehen darin die Basis für ein erfülltes Leben") und appellierte leidenschaftlich dafür, ein hohes Maß an Verantwortung zu übernehmen. "Es gibt ein Leben vor dem Tod", sagte Jakobi.

Einen Schwerpunkt seiner Rede nahmen die Menschenrechte ein. Sie seien in erster Linie die Freiheit des Individuums gegen den Staat. "Nur liefern sie uns leider keine Antwort auf die Menschenpflichten", stellte der Mann heraus, der in diesem Zusammenhang die Menschenwürde nannte. Die dürfe niemals angetastet werden - und das müsse jeder Mensch in sich tief verankern.

Dass die Welt viel von den Juden lernen kann, stellte Jakobi gegen Ende seines Vortrags heraus. Mit "Sonne, Sabbat und Umarmung fahre man ins Paradies", zitierte er eine Weisheit. Das Klima sei wie die Sonne - in ihrem Schatten wachse nichts. Den "Sabatt" nannte er ein Geschenk Gottes, der den Menschen an diesem Tage zur Ruhe einlade. "Wenn wir dann trotzdem arbeiten, schaden wir nicht Gott, sondern nur uns selbst", sagte der Mann, der daher auch dringend eine Erneuerung der Sonntagskultur forderte.

Nächstenliebe als Botschaft

Und was eine Umarmung alles bewirken kann, erklärte Jakobi auch. Sie spreche so vieles aus, ohne dass auch nur ein Wort fällt. Und der Wunsch nach mehr Nächstenliebe war unausgesprochen eine weitere Botschaft des Theologen.

Wunderschöne musikalische Akzente setzte dann die "Schola Gregoriana" zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit".