Wolf Biermann
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Dank an Wolf Biermann nach dem Auftritt im Mindener Stadtheater durch GCJZ-Vorsitzenden Bernhard Speller
Aufwühlender Vortrag
Wolf Biermann beeindruckt Publikum mit Katzenelsons „Gesang“
Trauer, Not und Wut macht Wolf Biermann mit seinem Vortrag von Katzenelsons „Gesang“ fast körperlich spürbar.
Von Martin Steffen
Minden (mar). Das letzte Blatt gleitet auf den Boden. Im Publikum herrscht lange Stille. Dann beginnt auf einigen Plätzen zaghafter Beifall, der nach wenigen Sekunden unsicher abebbt. Wolf Biermann kennt das: „Eigentlich ist das meist so, wenn ich Katzenelson vortrage.“
Auf den „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des 1944 ermordeten Dichters Jizchak Katzenelson, von Biermann ins Deutsche übersetzt, kann kaum heftiger Beifall einsetzen – auch nicht oder gerade nicht nach Biermanns aufwühlendem Vortrag.
Auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit trug Biermann das Werk Katzenelsons vor, aus dem er zunächst auf Anregung eines Freundes, des Historikers Arno Lustiger, eine Passage übersetzt hatte, um dann in langen Monaten das gesamte Stück zu übertragen.
Das 15 Kapitel umfassende Epos bündelt Trauer, Not und Wut, beschreibt Leiden, Überlebenswillen und Aufbegehren der Opfer, schildert die Fürsorge Hilfloser füreinander, aber auch Kollaboration und Denunziation. Eindringliche Worte, die Herz und Verstand geradezu stillstehen lassen, denen sich kaum jemand entziehen kann, weil die Wirkung des gesprochenen Textes so ungleich unmittelbarer ist als die einer Lektüre in der Studierstube. Biermanns Stimme tut ein Übriges. Schmerz, Resignation und Aufbäumen werden fast körperlich spürbar, wenn Katzenelson von seiner Frau Chanele spricht oder Janusz Korczaks Kinderheim erwähnt wird. Die Gitarrensoli zwischen den Abschnitten lassen einen regelrecht durchatmen und Kraft sammeln. Dabei der Gedanke – was man hört, sind Schilderungen, man ahnt allenfalls, was das Gesagte konkret bedeutet haben muss.
Der „Gesang“ ist eines der packendsten Ego-Dokumente der Shoah, das Biermann, die jüngeren Zuhörer im Blick, immer wieder durch scheinbar leichthändig eingeflochtene, treffsicher formulierte Erklärungen in seinen zeitlichen Kontext einbettet. Etwa wenn er - „das darf man nicht vergessen“ – an das Spießgesellentum Hitlers und Stalins beim Überfall auf Polen erinnert.
Anspielungen auf Aktuelles eingeflochten
In seinem Judenhass sei Hitler ein „absoluter Idealist“ gewesen, der von seinem Ziel nie abgerückt sei, sagt Biermann, der sozusagen beiläufig den fragwürdigen Begriff des „Idealisten“ gleich mit demontiert. Auch im iranischen Präsidenten, „der Israel vernichten will“, sieht er einen „Idealisten“ wie Hitler. Pragmatische Argumente hätten nach 1933 nicht interessiert – was viele Juden nicht oder zu spät erkannt hätten – vom „sehr deutschen deutschen Rabbiner Leo Baeck“ bis hin zu jenen, die als Zwangsarbeiter „kriegswichtige“ Dinge herstellten und das für eine Lebensversicherung hielten.
„Aber die Juden schießen ja auch“ – dieser überraschte Ausruf eines sterbenden deutschen Uniformträgers 1943 beim Ausbruch des Warschauer Ghetto-Aufstandes fasst Katzenelsons grimmige Genugtuung zusammen, dass Juden sich eben nicht alle wie Lämmer zur Schlachtbank hätten führen lassen. „Auch die Israelis sind nicht die geprügelten Hunde des Ghettos“, spielte Biermann auf Aktuelles an.
Biermann wäre nicht Biermann, wenn ihm angesichts der Schwere des Themas nicht auch eine lockere Wendung einfiele, mit der er das gebannte Schweigen am Ende des „Gesanges“ entspannen könnte. Sonst sei das ja gar nicht auszuhalten, und natürlich solle man anschließend ruhig etwas essen oder trinken gehen. Und so schildert er eine Katzenelson-Auftrittserfahrung mit überraschender Pointe in Israel. In den nun gelösteren Beifall hinein kann er dann auch selbstironisch-pfiffig für seine CD „Heimat“ werben, ein, zwei Lieder daraus vortragen und schließlich auch Heine und Shakespeare zu ihrem Recht kommen lassen. Ein beeindruckender Abend.
aus: Mindener Tageblatt, 21. November 2007