Lea Fleischmann
Lea Fleichmann Foto: Privat
"Gespräche erziehen zur Toleranz"
MT-Interview: Lea Fleischmann, Autorin aus Jerusalem, über den Deutsch-Israelischen Austausch
Minden (jhr).
Zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit", veranstaltet von der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden", liest die Israelin Lea Fleischmann am Sonntag, 2. März, um 18 Uhr im großen Rathaussaal Minden aus ihrem Buch "Meine Sprache wohnt woanders". MT-Mitarbeiter Jan Henning Rogge sprach vorab mit der Autorin über ihr Verhältnis zu ihrem Geburtsland Deutschland.
Ihr neues Buch, das sie gemeinsam mit Chaim Noll verfasst haben, behandelt Ihre Auswanderung nach Israel. Welches Verhältnis haben Sie zu Deutschland?
Ich bin in Frankfurt am Main aufgewachsen und habe dort Pädagogik und Psychologie studiert. Die Studenten- und Frauenbewegung hat mich sehr geprägt. 1979 bin ich nach Israel ausgewandert. Ich komme gerne nach Deutschland und habe Kontakt mit den Menschen, die an Literatur und Judentum interessiert sind. Deutschland nehme ich heute aus der Sicht einer Besucherin wahr.
Sie schreiben auf Deutsch. Welches Verhältnis haben Sie zur deutschen Sprache?
Die Sprache, in der ich mich literarisch ausdrücken kann, ist deutsch. Meine deutsche Staatsbürgerschaft habe ich abgegeben, die deutsche Sprache hingegen ist ein Teil meiner Identität geblieben. Meine Bücher werden in Deutschland verlegt und durch meine schriftstellerische Tätigkeit öffne ich für ein deutschsprachiges Publikum ein kulturelles Fenster, durch das es das Judentum kennen lernt.
Warum haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt?
Für mich ist die Staatsbürgerschaft keine formale Zugehörigkeit, sondern ein Teil meiner Identität. Ich fühle mich als Israelin. Für mich war es nach meiner Auswanderung wichtig, meinen Lebensmittelpunkt zu finden. Der war nicht in Deutschland und das lag an meiner Familiengeschichte. Heute bin ich sehr dankbar dafür, dass ich in Jerusalem lebe, dort Judentum und Tora lerne und in Deutschland meine Erfahrungen vermitteln kann.
In Ihrem ersten Buch "Dies ist nicht mein Land" kritisierten Sie Ihr Geburtsland und seine Bewohner, warfen ihnen unter anderem Untertanengeist vor. Hat sich Ihr Bild der Deutschen und ihres Landes seitdem verändert?
Ich lebe nicht mehr in Deutschland und bin nicht mehr im alltäglichen Arbeitsprozess hier eingebunden. Aber, im Gegensatz zu früher, glaube ich heute, dass die Demokratie ein fester Bestandteil der politischen Kultur in Deutschland ist und nicht mehr in Frage gestellt werden kann.
Sie sehen sich als Vermittlerin zwischen Israel und Deutschland. Wie sieht das praktisch aus?
Zu meinen Lesungen kommen aufgeschlossene Menschen, die an Literatur und Religion interessiert sind. Ich lese aus meinen Büchern und anschließend haben die Zuhörer die Möglichkeit, Fragen zu stellen und sich aus erster Hand über das Leben in Israel zu informieren. In Jerusalem treffe ich deutsche Reisegruppen in ihren Hotels und spreche mit ihnen über ihre Beobachtungen und Erlebnisse. Ich bin in dem christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Dialog eingebunden. Durch Aufklärung werden Vorurteile abgebaut und die Gespräche erziehen zur Toleranz.
Der Vlothoer Verein "Collegium Humanum" mit angeschlossenem Schulungszentrum ist ein Anziehungspunkt für Holocaust-Leugner. Am 20. Februar beantragte die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Verbot des Vereins. Wie empfinden Sie die Existenz eines solchen Vereins in Deutschland?
Ich finde es sehr bedauerlich, dass es solche Vereine gibt und dass sie mit ihrem Gedankengut die Seelen von jungen Menschen vergiften. Meine Eltern haben den Holocaust als physisch und psychisch gebrochene Menschen überlebt. Ihre Familienangehörigen waren umgebracht worden und sie blieben verhaftet in ihrem Leid und Schmerz. Ich fände es richtig, wenn solche Vereine verboten würden.
Wie sehen Sie die Situation der Juden im heutigen Deutschland?
Die jüdischen Gemeinden haben sich als ein fester Bestandteil in Deutschland etabliert. Ich bin sicher, dass der Dialog mit ihnen zu einem fruchtbaren Austausch führt.
Wo sehen Sie den verbindenden Gedanken zwischen Judentum und Christentum?
Es ist ja kein Zufall, dass Jesus und die Apostel aus dem Volke Israel stammen. Die Wurzel des Christentums ist das Judentum und die ethisch-moralischen Werte der westlichen Zivilisation liegen in der Bibel. Immer mehr Menschen entdecken, dass eine Zunahme an Konsum keine Zunahme an Lebensfreude ist. Sie suchen nach einem Sinn im Leben und die Beschäftigung mit religiösen Inhalten öffnet neue Perspektiven. Nach meinen Erfahrungen wächst das Interesse am christlich-jüdischen Dialog.
Aus: Mindener Tageblatt, 01.03.2008