Prof. Karl-Josef Kuschel
Kuschel: Vernetztes Denken in einer vernetzten Welt
Professor aus Tübingen spricht zum Thema "Kinder Abrahams - Konsequenzen für Juden, Christen und Muslime"
Minden (mt/um). "Kinder Abrahams - Konsequenzen für Juden, Christen und Muslime" zu diesem Thema sprach sprach Dr. Karl Josef Kuschel, Professor an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Tübingen und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Weltethos im Haus am Dom.
Einladende waren das Katholische Bildungswerk, das Evangelische Erwachsenenbildungswerk und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Dr. Kuschel berichtete, erst seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gebe es im Bereich der Katholischen Theologie einen Dialog mit dem lebendigen Judentum, und der Islam sei erst wieder seit 1979 mit der Rückkehr des Ayatollah Khomeini in den Iran als religiöse und politische Weltmacht in Erscheinung getreten. Damit stelle sich die Frage, ob wir geistig auf die Revitalisierung des Islam vorbereitet seien. In Deutschland stünde man - ähnlich wie in anderen europäischen Ländern - unvorbereitet vor einer neuen Situation in Anbetracht der Tatsache, dass es hier inzwischen etwa drei Millionen Muslime und 100 000 Juden gäbe. Aber mit der Herausforderung, auf neue geistige und religiöse Strömungen zu reagieren, sich selbst zu differenzieren und diese Differenzierungen zu bewältigen, habe Europa in seiner Geschichte immer wieder fertig werden müssen.
Auch für die Muslime in Europa sei die Situation prekär: Sie müssten in einer Welt leben, in der ihr Recht und ihre Lebensformen keine Gültigkeit hätten, und das könne zu Selbstisolation führen. Heutzutage sei aber ein abspaltendes Denken nicht mehr zeitgemäß. Kuschel forderte ein "vernetztes Denken in einer vernetzten Welt", und das vor allem für die Religionen.
An Texten zeigte er auf, dass es Ansätze solchen Denkens sowohl bei islamischen als auch bei jüdischen und christlichen Denkern gibt. Religiöse Toleranz müsse über das schlichte Dulden des jeweils anderen hinausgehen und durch Auseinandersetzungen "nicht mit dem Rücken zueinander, sondern von Angesicht zu Angesicht" auf der Basis eines "Wetteifers um Rechtschaffenheit und gute Werke" zu einem Zusammenleben in Frieden und Harmonie führen.
Die gemeinsamen Grundlagen der Religionen - die freilich jeweils verschieden interpretiert würden - könnten dafür Ausgangspunkt sein. Diese Grundlagen seien u. a. der Glaube an den einen Gott, die zehn Gebote, das Wissen um Gottes Barmherzigkeit und die Gestalt Abrahams. Wichtig sei es für Juden, Christen und Muslime, ein Bewusstsein ihrer "Familiarität" als Kinder eines Gottes und ihrer Verantwortung füreinander zu entwickeln und die eigene Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Die Vision des Referenten: Ein "trialogisches" Denken im religiösen Bereich, ein Denken im Gespräch und mit Rücksicht auf die jeweils anderen, wie es Herschel für das Judentum fordert.
